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Conexizan: Dezentrale Lösungen in Zeiten der Faschisierung
Veröffentlicht am: 23. August 2025, 12:00 Uhr | Lesezeit: 8min

Im Jahr 2023 noch hatten wir es in Europa und rund um die westliche Welt etwas einfacher im Vergleich zu heute, die Angst um bevorstehende Rechtsbeschlüsse aber plagten bereits dann die Köpfe vieler privatsphärebewusster Menschen. Immer mehr europäische Länder wenden sich Tech-Firmen zu, die Staatstrojaner bereitstellen. Die Europäische Union berät sich immernoch über eine mögliche Einführung der Chatkontrolle, die sie mit angeblichem Kinderschutz begründen, während ,,andere Kriminalitätsbereiche" eher im Vordergrund stünden und der Kampf gegen Kindesmisshandlung in Wahrheit ernsthafte Mängel aufweist, insbesondere bei den deutschen Behörden, die nicht einmal Missbrauchsmaterial aus dem Darknet löschen wollen. Dass sich dadurch solches Material weiterhin im Umlauf befinden wird, daran haben diese Moralapostel in Deutschland nicht gedacht, und das wollen sie wahrscheinlich auch nicht.
Uns wurde schnell klar: Seit dem die westimperialistischen Regierungen unter dem Druck der ökonomischen Krise stehen, die seit dem Beginn der russischen Invasion auf die Ukraine und dem Machtkampf der Weltmächte intensiviert wurden, setzen sie auf eine aggressivere und machtgierigere Politik nach außen für ihre Rolle im Konkurrenzkampf der Länder, und Faschisierung nach innen. Die Krisen sollen auf die Arbeiter abgewälzt werden, was zu Gegenstimmen im Lande führt, wodurch wiederum auch Repression notwendig ist, beispielsweise durch Erweiterung von Befugnissen für die Exekutive und dem Abbau des Rechtstaats. ,,Andere Kriminalitätsbereiche" können dadurch auch ganz schnell politische Standpunkte umfassen, wie die Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk, die der deutsche Staat angesichts seiner Staatsräson für den Zionismus kriminalisiert.
Wir haben uns bei den Vormrodian Projects zwischenzeitlich starke Gedanken um unser Recht auf Privatsphäre, etwa in der Kommunikation gemacht. Konversationen mit Freunden und Familien, Planungen innerhalb politischer Organisationen - es würden sich genügend Informationen allein daraus über eine jede einzelne Person ergeben. Man spricht sehr oft über sensible Themen und teilt dabei viele Daten mit. Orte an denen man war, Vereine die man öfters besucht, Ärzte die man aufsucht und gesundheitliche Details, Geheimnisse sowie Meinungsaustausch über Politik, zudem mit wem und wann sowas kommuniziert wird.
Zentralisierte Chatting-Dienste haben bereits eine mangelhafte Einhaltung von Datenschutz, wenn dann auch noch ein Gesetz ähnlich wie die Chatkontrolle beschlossen ist, dann war es das komplett mit der Privatsphäre: Ein jeder Mensch würde unter Generalverdacht gestellt werden und kann von fremden Beamten innerhalb Polizeibehörden ausgelesen werden. Ein unbekannter älterer Herr, der am Arbeitstisch abends um 20 Uhr die Nachrichten einer minderjährigen Tabea über ihren Gynäkologie-Besuch mitliest, oder vielleicht von einem Hannes, der gerade auf einer Demo gegen rassistische Polizeigewalt war.
In China ist so etwas schon seit Jahren möglich. Die populärste Messaging-App ,,WeChat" ist sowas wie Alles in Einem. Man kommuniziert nicht nur mit anderen Menschen, man nutzt die App auch als Zahlungsmittel (ähnlich wie Google oder Apple Pay) oder als soziales Medium. WeChat ist allerdings nicht Ende-Zu-Ende verschlüsselt, alle Nachrichten werden in Klartext abgeschickt und können von der chinesischen Regierung samt detaillierter Standortdaten und weiterem mitgelesen werden. Ein automatisierter Algorithmus sorgt bereits dafür, dass regierungskritische Nachrichten oder sogar Bilder von z.B. Winnie Pooh, der im Aussehen mit Xi Jinping verglichen wird, erkannt und zensiert werden. Kommt es zu oft vor, dass eine Person mit solchen Aktivitäten auffällt, dann kann man auch von der App ausgesperrt oder, noch schlimmer, verfolgt werden. Schließlich unterliegen chinesische Unternehmen direkt der diktatorischen Führung der kleinbürgerlichen Regierungspartei.
Ist die Chatkontrolle erst einmal da (seit unserem letzten Beitrag darüber beraten sich die EU-Mitgliedsländer schon wieder über diesen Gesetzentwurf im September 2025, diesmal sogar wie ursprünglich im vollen Umfang mit vollständiger Nachrichtenüberwachung), dann verändert sich einiges mit den bekannten Chatting-Diensten. Die Betreiber von Signal, einer sicheren doch zentralisierten Alternative zu WhatsApp, kündigten damals an, dass sie den EU-Raum verlassen würden. Somit also kein Signal. Der Betreiber von Telegram, Pavel Durov, wurde im letzten Jahr durch französische Behörden unter Druck gesetzt, um mit diesen zu kooperieren (wobei Telegram auch wirklich problematisch ist, da kriminelle und terroristische Vereinigungen oft ungehindert darauf sein konnten). Auf seiner Plattform werden Chats standartmäßig nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt, das gibt es nur optional in sog. ,,geheimen Chats". Auch kein Telegram. Der Tech-Konzern Meta müsste die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei WhatsApp mittels Schwachstellen (Hintertüren für Behörden) brechen, wenn sie sich nicht auch zurückziehen wollen. Kein WhatsApp. Insgesamt ist nicht zu vergessen, wer hinter diesen Plattformen genau steckt. Mark Zuckerbergs Firma, Meta, ist eine aggressive Datenkrake und verkauft sensible Nutzerdaten an Dritte. Signals Infrastruktur wird auf Rechnern von Amazon, dem Konzern von Jeff Bezos, betrieben. Beide Kapitalisten sind Handlanger des US-Imperialismus und haben sich ab dem Wahlsieg des Faschisten Donald Trump auf seine Politik umgestellt.
Am 20. August 2023 starteten wir aus dem Anlass mit einem neuen Projekt, womit wir eine realistisch sichere Alternative zu bestehenden Chatting-Diensten in den Händen einzelner Firmen präsentieren wollten: Conexizan, ein XMPP-Server. Am vergangenen Mittwoch, dem 20. August, war es der 2. Jahrestag des Projekts, und während die Nutzeranzahl nach 2 Jahren noch nicht sehr hoch ist, haben wir dennoch schon Nutzer aus verschiedenen Teilen der Welt. Was es so verschieden macht?
XMPP ist ein Standartprotokoll für Instant Messaging, dass seit den '80ern besteht. Wir entschieden uns für XMPP, da es quelloffen und dezentral ist und die langjährige und stabile Entwicklung von XMPP einige Funktionen mit sich bringt, die dem Nutzer viele Optionsfreiheiten ermöglicht, wie z.B. eine beliebige XMPP-Clientsoftware der eigenen Wahl zu nutzen oder Nachrichtenarchivierung auf dem genutzten Server zu deaktivieren (Nachrichten werden dann nicht für eine bestimmte Zeit auf dem Server gespeichert, der Server würde nur als Übertragungsschnittpunkt agieren). Auch wird weder eine E-Mail-Adresse, noch eine Telefonnummer zur Nutzung benötigt und die Nachrichtenverschlüsselung geschieht lokal über die Clientsoftware auf dem eigenen Gerät, nicht serverseitig. Bei XMPP hat man eine eigene Nutzerkennung (Jabber-ID) wie beispielname@conexizan.de.
Was aber ist die Differenz zwischen XMPP und zentralisierten Diensten? Zentralisierte Dienste wie WhatsApp oder Signal werden von einer bestimmten Firma betrieben. Man kann weder mit Nutzern anderer Plattformen über die eine kommunizieren, noch hat man eine starke Einsicht und Kontrolle über die Verarbeitung der eigenen Daten. Dazu kommt, dass mit einer profitgierigen Firma auch der Verkauf der eigenen Nutzerdaten vorkommt. Wer also auf diese Plattformen beruht, der kann sich nicht gegen solche Firmen wehren.
XMPP hingegen ist ein freies Protokoll, das jedem Menschen ermöglicht, einen eigenen XMPP-Server zu betreiben. Messaging-Funktionen (genannt XEPs beim Protokoll) werden von einer breiten Entwicklercommunity erschaffen und die Entwicklung ist im Internet transparent einsehbar. Zudem ist es Serverbetreibern möglich, ihren eigenen mit allen bestehenden XMPP-Servern zu föderieren. Wer also XMPP nutzt, der kann jederzeit einen Server selbst auswählen und dennoch mit Nutzern anderer Server kommunizieren. Es bestehen nach aktuellem Stand mehr als 400 Server.
Conexizan ist deshalb sicher, da es einerseits nicht von einem profitorientierten Konzern betrieben wird, andererseits auf die Speicherung unnötiger Nutzerdaten (beispielsweise durch Aktivitätenlogs) verzichtet, damit nur essentielle Daten verarbeitet werden, die für die Nutzung des Dienstes nötig sind. Wir bieten eine Plattform für Arbeiter sowie revolutionäre und linke Kräfte an und schließen damit auch explizit faschistische Personen bzw. Personengruppen sowie Staats- und Regierungsbeamte aus. Vor der Chatkontrolle sind wir als einzelner Server vielleicht nicht viel verschonter im Gegensatz zu zentralisierten Diensten, obwohl es mit der Gesamtheit von 400 Servern schwierig für die EU sein wird, solche Maßnahmen hierbei umzusetzen, doch unsere Nutzer sind es. Jederzeit haben sie die Wahl, auf einen anderen Server, vielleicht solche außerhalb der EU umzusteigen. XMPP ist damit eine echte Lösung, für die wir mit dem Projekt Conexizan mehr Bekanntheit schaffen wollen.
Wir als Vormrodian Projects stellen uns entschieden gegen die repressiven Vorhaben der EU und der Mitgliedsländer. Im Falle eines Eintritts der Chatkontrolle werden wir diese, wie auch immer sie aussehen würde, zum Schutz der Privatsphäre und des Datenschutzes unserer Nutzer nicht umsetzen.